{"id":287,"date":"2023-09-20T17:44:57","date_gmt":"2023-09-20T15:44:57","guid":{"rendered":"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/?p=287"},"modified":"2023-09-21T18:05:55","modified_gmt":"2023-09-21T16:05:55","slug":"vorteile-der-kriegskueche-winter-1916-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/2023\/09\/20\/vorteile-der-kriegskueche-winter-1916-17\/","title":{"rendered":"Vorteile der Kriegsk\u00fcche, Winter 1916\/17"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Eine Dame, welche aus Salzschlirf zur\u00fcckkehrte, wu\u00dfte mir vieles zu erz\u00e4hlen, was der Arzt \u00fcber ihre Gicht gesagt hatte. Ihre Krankheit sei haupts\u00e4chlich durch den zu reichlichen Genu\u00df von Fleisch gekommen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Und ich hatte Fleisch als Nahrungsmittel immer so hoch eingesch\u00e4tzt, weil es doch so viel<br>Eiwei\u00df enth\u00e4lt. Nun sagte mir der Arzt, das Fleisch enthalte sogenannte Nucleine, aus den Zellkernen stammende eigenartige K\u00f6rper, welche die Harns\u00e4ure verursachen.&#8220; Diese Nucleine finden sich im Muskelfleisch wie auch vor allem in der Milz, der Leber und anderen Teilen des tierischen K\u00f6rpers.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"473\" src=\"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/haas1915_400px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-290\" srcset=\"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/haas1915_400px.jpg 400w, https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/haas1915_400px-254x300.jpg 254w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Es ist also f\u00fcr viele gar nicht so schlimm, wenn hinsichtlich der Fleischnahrung ein kleines Fastengebot erlassen wurde. In der Pflanzennahrung sind wesentlich weniger Harns\u00e4urebildner enthalten, auch in der Milch sind sehr wenig, in den Eiern fast gar keine. Zu reichlicher Genu\u00df von Fleisch kann direkt sch\u00e4dlich wirken und die Entstehung mannigfacher Krankheiten beschleunigen, wenn die Stoffwechselvorg\u00e4nge tr\u00e4ger und langsamer ablaufen. Besonders ist dies der Fall bei jenen Menschen, von denen mehr geistige als k\u00f6rperliche Arbeit verlangt wird. Und bei wie vielen trifft dies in unserer Zeit zu, jetzt, da ganze Gebiete der Arbeitsbet\u00e4tigung im Sinne der Gelehrsamkeit umgewandelt sind. Mit der Ver\u00e4nderung der Lebensweise ist zugleich auch eine Schw\u00e4chung der Nervenkraft eingetrete<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Man nahm lange an, der erwachsene Mensch gebrauche t\u00e4glich 118g Eiwei\u00df, es ist aber erwiesen, da\u00df eine wesentlich niedrigere Eiwei\u00dfzufuhr mit vollst\u00e4ndiger Gesundheit und allen \u00c4u\u00dferungen derselben vereinbar ist. \u00dcberm\u00e4\u00dfig gewonnene Kohlehydrate und Fette etablieren sich im Organismus zun\u00e4chst als K\u00f6rperfett, f\u00fcr das \u00fcberm\u00e4\u00dfig gewonnene Eiwei\u00df aber fehlt die M\u00f6glichkeit einer Deponierung. Erh\u00f6hte Eiwei\u00dfzufuhr erh\u00f6ht den Eiwei\u00dfumsatz, es kommt zu st\u00e4rkerer W\u00e4rmebildung und zweckloser Verbrennung im Organismus, Arbeitsmaterial wird in unn\u00f6tiger Weise herangezoge<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"223\" src=\"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Weck1913_400px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-291\" style=\"width:448px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Weck1913_400px.jpg 400w, https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Weck1913_400px-300x167.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr viele ist es nicht schlimm, wenn eine Zeit lang weniger Fleisch gegessen wird, im Gegenteil, es ist ihnen von Vorteil. Die einfache Kriegskost bekommt ihnen sehr gut und manche Krankheiten gehen dabei zur\u00fcck. Auch in normaler Friedenszeit war der einmalige Genu\u00df von Fleisch am Tag vollst\u00e4ndig ausreichend. Wenn uns jetzt nicht immer Fleisch zur Verf\u00fcgung steht, so haben wir als Ersatz Fische, von denen bez\u00fcglich Ern\u00e4hrung ungef\u00e4hr dasselbe gilt wie vom Fleisch.<br><br>Es wurden bei der Bevorzugung des Fleisches vielfach die anderen Nahrungsmittel zu wenig beachtet. Was Arbeit betrifft, so wird die Frau jetzt allerdings nicht entlastet. Sie mu\u00df im Gegenteil jetzt erst recht ihre Kraft zusammennehmen. Vor allem gemischte Kost. Angenehme Abwechslung mit wenig Fleischverbrauch. Es soll nicht dem Vegetarismus das Wort geredet werden, sondern nur der Fleischeinschr\u00e4nkung<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche Menschen essen nicht aus Bed\u00fcrfnis viel Fleisch, sondern aus Gewohnheit. Wenn die Hausfrau ihren Angeh\u00f6rigen gute Zuspeisen, schmackhafte Suppen, gut gekochtes Gem\u00fcse, frisch ged\u00fcnstetes Obst, gute, teils selbst bereitete Konserven und Lieblingsmehlspeisen auftischt, so wird sie bald merken, da\u00df die Ern\u00e4hrung nicht unvorteilhaft beeinflu\u00dft wird. Es kann auch ruhig das eine oder andere an herk\u00f6mmlichen Zutaten fehlen oder durch anderes, was zur Verf\u00fcgung steht, ersetzt werden. Nachdenken und sorgen mu\u00df man dabei. Einfacher ist es allerdings ein gro\u00dfes St\u00fcck Fleisch in den Siedetopf oder die Bratr\u00f6hre zu stecken und die minimalen Zutaten in der letzten Viertelstunde fertig zu stellen. Aber aus Liebe zum Vaterlande und zu den Ihrigen werden unsere Frauen ein wenig mehr Arbeit und Zeitaufwand wohl nicht scheuen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"295\" src=\"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stollwerck1915s_800px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-292\" style=\"width:880px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stollwerck1915s_800px.jpg 800w, https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stollwerck1915s_800px-300x111.jpg 300w, https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stollwerck1915s_800px-768x283.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4hnlich wie mit dem Fleisch verh\u00e4lt es sich mit dem Fett. Es war sicherlich der Fettluxus in unserer modernen K\u00fcche viel zu gro\u00df geworden. Die in unseren Nahrungsmitteln enthaltenen Fette sind organische, mit N\u00e4hrstoffen verbundene Fette, so wie sie die Natur f\u00fcr uns und unsere Organe bestimmt hat. Es gibt V\u00f6lkerschaften, die ganz oder fast ganz ohne Fett leben und sich dabei recht gesund f\u00fchlen. Auch in Deutschland wurde bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts fast gar kein k\u00fcnstliches Fett gegessen, und nicht zum Schaden der Gesundhei<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich ist das Fett mehr Geschmackssache, denn Fett ist nichts als ein W\u00e4rmebildner. W\u00e4rme wird aber auch erzeugt durch Mehl- und Zuckerstoffe.<br><br>Der \u00fcberm\u00e4\u00dfige Genu\u00df von Fett ruft ebenso wie der zu reiche Genu\u00df von Fleisch Krankheiten hervor. Fette Speisen vermindern die Magenausscheidung, erzeugen Fett- und G\u00e4rungss\u00e4uren und sch\u00e4dliche Zersetzungen im Magen- und Darmkanal. Die S\u00e4uren entsalzen und verdicken das Blut und rauben ihm die Alkalien, die N\u00e4hrsalze. Sie greifen die Organe an. Daher dann der Zug der kranken Menschen zu den Brunnen- und Badekuren, das Bed\u00fcrfnis nach Mineralwasser. Die nat\u00fcrliche Askaleszenz des Blutes dagegen sch\u00fctzt vor vielen Infektionen und vernichtet Infektionsstoffe, Selbstgifte und Bakterien. Dem salzarmen Blut fehlt die Flie\u00dfkraft, weil es dick und kraftarm ist. Es zirkuliert zu langsam, nimmt wenig Sauerstoff an und gibt wenig Kohlens\u00e4ure ab. Wir finden dann, da\u00df die Zufuhr von k\u00fcnstlichen Salzen den Appetit anregt, die Verdauung f\u00f6rdert und sehr oft auch die Gewichtszunahme steigert. Die besten Lieferanten unseres wenigen K\u00f6rperfettes sind Getreide-, Korn-, Wurzel- und H\u00fclsenfr\u00fcchte, Mehle aller Art, Kartoffeln, Zucker und Fr\u00fcchte.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"137\" src=\"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stollwerck1914_800px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-293\" srcset=\"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stollwerck1914_800px.jpg 800w, https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stollwerck1914_800px-300x51.jpg 300w, https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stollwerck1914_800px-768x132.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sehr wichtig ist zur richtigen Ern\u00e4hrung aber das Kauen. Wenn die Kauarbeit und die Einspeichelung fehlen, gehen die kostbarsten N\u00e4hrwerke verloren. Die alte Bauernregel &#8222;Schweig und i\u00df&#8220; enth\u00e4lt eine wichtige Mahnung. Man soll beim Essen nicht viel sprechen, sondern seine Unterhaltung beim Essen selbst finden.<br>Fangen wir an etwas zu &#8222;fletschern&#8220;. Magenkranke nehmen nach Fletscher gekaute Speisen an. Durch Fletschern wird auch Blinddarmentz\u00fcndung verh\u00fctet. Ein Herr erz\u00e4hlte mir, da\u00df er bei dem Fletschern nur ein Drittel seiner sonstigen Mahlzeiten gebrauchte. &#8222;Dabei f\u00fchlte ich mich wohler und kr\u00e4ftiger als fr\u00fcher, tue meinen Dienst und laufe mehr als sonst, ohne Erm\u00fcdung zu sp\u00fcren.&#8220; Der Mensch lebt nicht von dem, was er i\u00dft, sondern von dem, was er verdaut. Es geh\u00f6rt zum Fletschern keine \u00dcberwindung sondern nur guter Wille und der Vorsatz zum Durchhalten. Eigentlich soll nach Fletscher jeder Bissen hundertmal gekaut werden, es kann ja auch etwas weniger sein. Hauptsache ist, da\u00df m\u00f6glichst viele Menschen sich eine andere Art des Kauens angew\u00f6hnen, eine Art, die eine bessere Durchspeichelung der Speisen zur Folge hat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"442\" src=\"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Bahlsen1913_600px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-289\" style=\"width:744px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Bahlsen1913_600px.jpg 600w, https:\/\/wistrela.at\/diepraktischehausfrau\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Bahlsen1913_600px-300x221.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Kunst, gut zu essen, geh\u00f6rt das Langsamessen, das Gutkauen, das Guteinspeicheln, dann braucht der Magen nicht \u00fcberladen zu werden und wir k\u00f6nnen mit unserer Kriegsration recht gut bestehen. Wenn wir m\u00e4\u00dfig Fleisch und Fisch essen, die uns zu Gebote stehenden Nahrungsmittel schmackhaft zubereiten, nicht zu viel Fett gebrauchen und t\u00fcchtig kauen und einspeicheln, werden wir sicherlich keinen Schaden an unserer Gesundheit nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Feind, der uns zu einfacher Lebensweise zur\u00fcckf\u00fchrt, hat uns dadurch nicht etwas \u00dcbles zugef\u00fcgt sondern eine Wohltat erwiesen. Wir sind nicht gezwungen zu darben, wenn wir auch auf mancherlei verzichten m\u00fcssen. Und verzichten werden wir gern f\u00fcr des Deutschen Reiches Bestand.<br><em>Hermine Wedel im Winter 1916\/ 1917<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Dame, welche aus Salzschlirf zur\u00fcckkehrte, wu\u00dfte mir vieles zu erz\u00e4hlen, was der Arzt \u00fcber ihre Gicht gesagt hatte. 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